Kunst zwischen den Grenzen: Happy End für den Isenheimer Altar in Colmar

Seit der Gründung vor 140 Jahren hat Julius Böhler viele bedeutende Kunstwerke in private und öffentliche Sammlungen verkauft. Kaum eine Vermittlung war dabei so aufregend und umfasste so viele Jahrzehnte, wie die zweier Kleinskulpturen von Niklaus von Hagenau:

 

 

 

 

 

 

Niklaus von Hagenau (Hagenau 1445- 1538 Straßburg): Zwei kniende Bauern, Lindenholz mit ursprünglicher Polychromie, H. 64 bzw. 66 cm, Mittelschrein des Isenheimer Altars
© Musée Unterlinden, Colmar

Die Geschichte beginnt im Jahr 1905. Damals hatte der Gründer der Kunsthandelsdynastie, Julius Böhler, zwei äußerst plastische und expressiv geschnitzte Figuren ohne feste Zuschreibung aus der Sammlung des Großenhainer Tuchhändlers Richard Zschille für sich privat erworben. 1911 entdeckte der Freiburger Universitätsprofessor Wilhelm Vöge die beiden Figuren in der Sammlung Böhler und war erstaunt über die Ähnlichkeit mit den Schnitzplastiken im Mittelschrein des Isenheimer Altars. Dazu gehörten der hl. Antonius, flankiert von den Kirchenvätern Augustinus von Hippo und Hieronymus sowie Büsten von Christus mit den Aposteln im Sockelschrein in der Predella. Vöge schrieb die Figuren Niklaus von Hagenau zu. Er wusste aber nicht, dass im Jahre 1823 Abbé Reichsstätter, der damals die Kunstsammlungen in Colmar betreute, die zwei zu Füßen des hl. Antonius knienden Bauern mit Hahn und Ferkel an das örtliche Spital für ein Krippenspiel abgegeben hatte. Seitdem galten sie als verschollen. Er ging der Sache nicht weiter nach. Heinrich Alfred Schmid *1, Kunstgeschichtsprofessor in Prag und ausgewiesener Grünewald-Spezialist, hatte dagegen in seiner 1911 erschienenen Publikation zum Isenheimer Altar die alten Inventare der Colmarer Sammlung veröffentlicht. Dort erwähnte er auch zwei kleine Figuren zu Füßen des hl. Antonius, einen Hirten mit einem Schwein sowie einen Bauern mit einem Hahn. Auch die Maße der vor Ort nicht mehr vorhandenen Figuren nennt Schmid. Einer seiner Schüler, Professor Heidrich, Basel, zog daraus die richtigen Schlüsse, denn er erinnerte sich an die Figuren in der Sammlung Böhler, die er ebenfalls gesehen hatte. In der Folge konnten die beiden Figuren dem Bildhauer Niklaus von Hagenau zugeschrieben und nachgewiesen werden, dass es sich um die verschollenen Schnitzwerke des Mittelschreins des Isenheimer Altars (Niklaus von Hagenau und Matthias Grünewald, 1512-1516) in Colmar handelt *2.

Die Entdeckung war eine Sensation. Die 1847 in Colmar gegründete Schongauergesellschaft bemühte sich nachhaltig um einen Ankauf, Julius Böhler wollte sich jedoch nicht von den beiden Figuren trennen. Dazu ist auch der Briefwechsel zwischen dem Verein und Julius Böhler überliefert:

Colmar, den 11. Januar 1912

An Herrn Julius Böhler Kunsthändler

Sehr geehrter Herr

Die Schongauergesellschaft in Colmar e.V. welcher die Verwaltung des Unterlindenmuseums obliegt hat in Erfahrung gebracht, dass Sie im Besitz von zwei Holzstatuetten sind, welche sich früher am Jsenheimeraltar in Colmar befunden haben. Dieselben sind anfangs des 19. Jahrhunderts aus Colmar verschwunden.
Die eine Statuette stellt einen Bauern dar, welcher ein Schwein als Opfer darbringt, die andere einen jungen Mann, der einen Hahn opfert.
Die Schongauergesellschaft erlaubt sich die ergebene Anfrage, ob Sie geneigt wären einer Veräusserung der Statuetten näher zu treten und ob die Möglichkeit bestände diese Statuetten wieder dem Jsenheimeraltar einzuverleiben.
Durch Jhr etwaiges Entgegenkommen würden Sie sich der Satdt Colmar zu großem Dank verpflichten und die elsässische Kunst als solche in hohem Maass fördern.

Mit vorzüglicher Hochachtung ganz ergebenst

Der Vorstand Christian Klemm

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 München 13. Januar 1912

Herrn Christian Klemm, Kunstanstalt in Colmar

Ihr geehrtes Schreiben habe ich erhalten.Teile Ihnen ergebenst mit, daß ich aus meiner Privatsammlung absolut nichts abgebe. Ich bekam schon für viele Sachen von Museen & Kunstliebhabern große Summen geboten, wenn ich ja hätte etwas verkaufen wollen. Falls Sie einmal nach München kommen, so werde ich Ihnen die Figuren mit Vergnügen zeigen. Herr Prof. Feuerbach, dem Sie schrieben, war heute bei mir da & habe ich ihm den gleichen Bescheid gegeben.
Es wäre mir ja sonst ein Vergnügen gewesen Ihnen zu dienen um die Figuren wieder an ihren ursprünglichen Platz zu bringen.

Zeichne hochachtungsvollst

Julius Böhler

Wie wir aus einem Schreiben von Julius Böhler an Professor Schmid wissen, wäre Julius Böhler durchaus bereit gewesen, sich von den Figuren zu trennen, allerdings nur im Tausch gegen ein Kunstwerk, dessen Erwerb ihn besonders reizen würde:

Januar 1912

Hochwohlgeboren

Herrn Prof. H.A. Schmid, Prag

Ihr sehr geehrtes Schreiben habe erhalten & danke Ihnen bestens für Übersendung der Straßburger Post. So ist jetzt eine ganze Völkerwanderung zu mir, jeder will die beiden Bauernfiguren vom Isenheimer Altar schon macht es mir selbst Vergnügen, daß dieselben durch Ihre Liebenswürdigkeit so berühmt geworden sind.
Die Museums-Kommission in Colmar hat mir auch bereits geschrieben; auch war Prof. Feuerstein da, ich mußte aber jedem der Herren sagen, daß aus meiner Sammlung nichts zu haben ist. Denn wenn ich schon Stücke daraus hätte hergeben wollen, so hätte ich schon ganz enorme Offerte gehabt. Diese Offerte rühren mich jedoch nicht, da ich selbst habe was ich brauche & an meiner Sammlung sehr viel Vergnügen habe.
Es müßte nur vorkommen, daß mir etwas im Tausch geboten würde was mich ebenfalls immer freuen & interessieren würde für meine Sammlung, dann wäre ich jedenfalls nicht abgeneigt.

Zeichne hochachtungsvollst
ganz ergebenst

Julius Böhler

Die Besitzverhältnisse änderten sich jedoch nicht. Julius Böhler ließ auf seine Kosten Kopien der Figuren anfertigen und stellte sie dem Museum zur Verfügung. Während des 1. Weltkriegs wurde der Isenheimer Altar 1917 nach München in „Sicherheitsverwahrung“ gebracht, wo er zu einem der meistbesuchten Exponate in der Pinakothek wurde. Erst 1919 kehrte er nach Colmar zurück. Ebenfalls 1919 wurden die beiden Hagenauer-Figuren in das Verzeichnis national wertvollen Kulturgutes aufgenommen, ein Verkauf in das mittlerweile französische Elsass war von nun an ausgeschlossen.

1977 verkaufte Julius Harry Böhler die beiden Skulpturen an das Badische Landesmuseum Karlsruhe. So konnte letztendlich auch das 1911 begonnene Ringen um die Rückführung der Werke ein glückliches Ende finden:

Dank kulturpolitischer Diplomatie und eines komplizierten Tauschverfahrens zwischen dem Badischen Landesmuseum Karlsruhe, dem Museum Unterlinden, dem Louvre und dem Musée des Arts Décoratifs in Paris nahmen Bauer und Hirte als Dauerleihgabe der Bundesrepublik Deutschland im Jahr 1984 nach 154 Jahren ihren angestammten Platz zu Füßen des Hl. Antonius wieder ein.

 

l. Johannes, Meister Heinrich von Konstanz, Bodenseeregion, um 1300, © Museé des Arts Décoratifs, Paris

Josef Melling: Markgräfin Caroline Luise von Baden mit ihren beiden ältesten Söhnen Ludwig und Friedrich, 1757, 136 x 102 cm © Badisches Landesmuseum Karlsruhe

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

So schickte der Louvre ein Portrait der Markgräfin Caroline Luise von Baden und ihren beiden Kindern, ein Werk des Karlsruher Hofmalers Joseph Melling (Saint-Avold 1724 – 1796 Straßburg), an das Badische Landesmuseum, das Musée des Arts Décoratifs stellte dem Museum eine Johannesfigur des Meisters Heinrich von Konstanz (Bodenseegebiet, um 1300) zur Verfügung, das Museum Unterlinden schließlich eine oberrheinische Madonna mit Kind. Das Museum Unterlinden entsandte als Ausgleich für die Skulptur von Meister Heinrich einen Steinaltar aus der Champagne, frühes 16. Jh., an das Musée des Arts Décoratifs.

Seitdem erstrahlt der Mittelschrein des Isenheimer Altars wieder in alter Pracht.

Commons wikimedia

 

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*1 Heinrich Alfred Schmid (1863-1951), zwischen 1897 und 1901 Privatdozent in Berlin, wurde 1901 zum Kunstgeschichtsprofessor an der Universität Basel ernannt. Grundlegend für die Grünewald-Forschung wurde Schmids Untersuchung „Die Gemälde und Zeichnungen von Matthias Grünewald“ mit einem aufwendig produzierten Abbildungsteil in Quartformat. Darin wurde eine Rekonstruktion des Isenheimer Altars in seiner ursprünglichen Gesamterscheinung versucht, die allerdings schon bald darauf von Wilhelm Vöge revidiert wurde.
*2  Schmid wies ins seiner Publikation nach, dass sich der Altar seit seiner Entstehung um 1510 bis zur Französischen Revolution in der Konventskirche des Antoniterordens in Isenheim befunden hatte. 1794 drohte den kirchlichen Kunstschätzen die Zerstörung und man brachte Tafeln und Skulpturen in Sicherheit. In Colmar fanden sie bis 1852 provisorisch in einem städtischen Bibliothekssaal Aufstellung und kamen dann in die als Museum eingerichtete Kapelle des Klosters Unterlinden.

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