Kunst zwischen den Grenzen

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Ceres, Allegorie des Sommers und unser Symbol der Vorfreude

Noch scheint er unerreichbar fern, der Sommer. Zwar hat der Frühling zumindest schon kalendarisch begonnen, aber warmer Sonnenschein, bunte Blüten und grüne Blätter lassen auf sich warten. Zusätzlich belastet die Corona-Krise unser Leben. Hier in Starnberg sind wir weiterhin in der Kunsthandlung für Sie da und sehnen mit Ihnen ein baldiges Ende des allgemeinen Stillstandes und eine Verbesserung der gesundheitlichen Lage herbei.

Für Lebensfreude, Schönheit und Freiheit, die wir gerade so vermissen, steht eine kleine Figurengruppe (H. 30 cm). Der berühmte fränkische Bildhauer Ferdinand Tietz (1708-1777) hat sie um 1760 geschaffen. Sie zeigt eine sinnliche, junge Frau, einen Putto und eine Bäuerin. Anhand ihres Attributs, den Kornähren, erkennen wir in der schönen Nackten die Göttin Ceres. Sogleich entfaltet sich vor unserem geistigen Auge ein Film, der uns eine Geschichte voller Kraft und Leidenschaft aus der klassischen Mythologie erzählt:

Ceres war die schöne Tochter des Götterpaares Saturn und Ops. Mit Jupiter, dem wichtigsten allhttp://www.boehler-art.com/dossier/ferdinand-tietz/er Götter, zeugte sie Proserpina, die wider Willen für viel Aufregung im Olymp sorgte. Das junge Mädchen wurde nämlich von Pluto, dem Gott der Unterwelt, unsanft entführt. Erst nach langen Verhandlungen fand man eine Lösung im Streit zwischen der aufgebrachten Mutter und dem

besitzergreifenden Gatten. Demnach sollte Proserpina immer vier Monate des Jahres in der Unterwelt und acht Monate bei ihrer Mutter auf der Erde verbringen. Während der Abwesenheit Proserpinas war Ceres stets so betrübt, dass keine Pflanze wachsen und blühen mochte. War Proserpina aber bei Ceres, so spross und gedieh die Natur. Ceres wurde die Göttin des Ackerbaus, der Fruchtbarkeit aber auch der ehelichen Gemeinschaft. Sie symbolisiert den natürlichen Kreislauf der Natur und lässt sich dank ihres Attributs der Kornähren gut erkennen.

Ferdinand Tietz hat die Göttin der Fruchtbarkeit in seine Zeit gehoben. Er sieht sie nicht statisch und hoheitsvoll, wie es Beispiele aus der klassischen Antike zeigen, sondern lebhaft, erotisch und ungezwungen. Den Konventionen der Götterwelt ist sie nicht unterworfen, wie es auch die absolutistischen Herrscher des 18. Jahrhunderts im Privaten nicht sein wollten, wenn sie – fern der höfischen Etikette- mit Künstlern, bürgerlichen Freunden und ihren Geliebten zusammentrafen.

Jean-Charles-Joseph Remond, Der Raub der Proserpina, Öl auf Lwd., 70 x 55 cm, 1821, Bibliothèque des Beaux-Arts, Paris

Die wichtigsten Auftraggeber von Ferdinand Tietz zu dieser Zeit waren geistliche Herren, wie Johann Philipp Anton von und zu Franckenstein (1695-1753), Fürstbischof von Bamberg, und dessen Nachfolger Adam Friedrich von Seinsheim (1708-1779), Fürstbischof von Würzburg und Bamberg. Beide liebten es, sich in ihren Lustschlössern und Parkanlagen vor den Toren der Städte fernab der höfischen Etikette aufzuhalten.

Ferdinand Tietz, der Musenberg Parnaß, 1765, Schloss Veitshöchheim

Als Rahmung des „Sommer- und Lusthauses“ von Schloss Veitshöchheim bei Würzburg entstand bereits ab 1702 ein Blumengarten. Ferdinand Tietz schuf für diese Gartenwelt ab 1763 einen mythologischen Figurenzyklus, in dem Fürstbischof Friedrich von Seinsheim in göttlicher Gesellschaft quasi unter seinesgleichen lustwandeln konnte. Auch in Schloss Seehof bei Bamberg, ehemalige Sommerresidenz und Jagdschloss der Bamberger Fürstbischöfe, bevölkerte Ferdinand Tietz erst für Johann Philipp Anton von und zu Franckenstein, dann für dessen Nachfolger Friedrich von Seinsheim die Außenanlagen mit mythologischen, exotischen und phantastischen Figuren. Hier wie dort entstand in märchenhaft anmutenden Gartenanlagen, durch vegetabile Architekturformen und Wasserspiele strukturiert, die Illusion einer vom höfischen Zwang befreiten Gegenwelt.

Wir können uns vorstellen, wie der berühmte und begehrte Bildhauer die schöne Ceres mit ihrem Gefolge als kleinen plastischen Entwurf vorstellte. Bei dieser Gelegenheit hatte dann der Auftraggeber das letzte Wort. Die Formensprache unserer Ceres entspricht in ihrer sinnlichen und erotisierenden Darstellung formal dem Höhepunkt des Rokoko. Wir kennen eine große Steinskulptur mit einer Ceres und jungen Bäuerin aus Veitshöchheim. Auch hier ist die schöne Frau als Allegorie des Sommers klar erkennbar. Sie trägt den typischen Ährenkranz, statt des Puttos ruht ein großer Kürbis an ihrem rechten Fuß, der neben dem Korn symbolisch für die Ernte des Sommers steht. Um 1765/66 entstanden, bezieht sie sich formal klar auf unsere kleine Figurengruppe. Ceres ist hier jedoch züchtig gekleidet und hoheitsvoll im Auftreten. Die etwas frivole Leichtigkeit und Unbeschwertheit fehlen. Aber sind es nicht gerade diese Eigenschaften, die uns ein Vorbild sein können, positiv in die Zukunft zu schauen? Nach jedem kalten Winter folgt bekanntlich ein schöner Sommer.

Ferdinand Tietz und Werkstatt, Allegorie des Sommers, 1765/66, Schloss Veitshöchheim