Daniel Neuberger der Jüngere, zugeschrieben

Augsburg 1621–1680 Regensburg

Lot und seine Töchter

Farbiges Wachsrelief, teilweise vergoldet
Höhe: 41,8 cm , Breite: 32,5 cm
Mit originalem Rahmen, Höhe: 62, Breite: 52 cm

Eine pikante Szene

Die Szene ist pikant: Zwei nur leicht bekleidete junge Frauen haben ein Rendezvous mit einem älteren Mann. Eine hält den mit Wein befüllten Krug, die andere legt den Arm um den offensichtlich bereits angetrunkenen Alten, der sich ihr lüstern nähert. Nur mit einem leicht über den Oberschenkel und Arm gezogenen Tuch, das sich gleich einer Schlange um den Körper schlingt, präsentiert sich die Schönheit wie eine Venus. Nicht nur dem Mann an ihrer Seite, sondern vor allem dem Betrachter des kunstvoll gearbeiteten Reliefs. Die andere, wie eine antike Göttin gewandete Frau ist in Seitenansicht dargestellt. Sie zeigt uns den sinnlich entblößten Rücken, Arm und Schulter sowie ihr rechtes Bein.

Tatsächlich ist hier die Geschichte von Lot, Buch Mose, Kapitel 19, dargestellt. Lot ist mit seinen beiden Töchtern aus der untergegangenen Stadt Sodom geflüchtet:

Und Lot zog aus Zoar und blieb auf dem Berge mit seinen beiden Töchtern; denn er fürchtete sich, zu Zoar zu bleiben; und blieb also in einer Höhle mit seinen beiden Töchtern. Da sprach die ältere zu der jüngeren: Unser Vater ist alt, und ist kein Mann mehr auf Erden der zu uns eingehen möge nach aller Welt Weise; so komm, lass uns unserm Vater Wein zu trinken geben und bei ihm schlafen, dass wir Samen von unserm Vater erhalten. Also gaben sie ihrem Vater Wein zu trinken in derselben Nacht. Und die erste ging hinein und legte sich zu ihrem Vater; und der ward’s nicht gewahr, da sie sich legte noch da sie aufstand. Des Morgens sprach die ältere zu der jüngeren: Siehe, ich habe gestern bei meinem Vater gelegen. Lass uns ihm diese Nacht auch Wein zu trinken geben, dass du hineingehst und legst dich zu ihm, dass wir Samen von unserm Vater erhalten. Also gaben sie ihrem Vater die Nacht auch Wein zu trinken. Und die jüngere machte sich auf und legte sich zu ihm; und er ward’s nicht gewahr, da sie sich legte noch da sie aufstand. Also wurden beide Töchter Lots schwanger von ihrem Vater. Und die ältere gebar einen Sohn, den nannte sie Moab. Von dem kommen her die Moabiter bis auf den heutigen Tag. Und die jüngere gebar auch einen Sohn, den hieß sie das Kind Ammi. Von dem kommen die Kinder Ammon bis auf den heutigen Tag.

Der Künstler verwendet für die szenische Darstellung einen der ältesten Rohstoffe, Bienenwachs. Der Werkstoff Wachs war aufgrund seiner ästhetischen und materialimmanenten Aspekte seit der Antike geschätzt: Das gereinigte und gebleichte Wachs gleicht der menschlichen Haut wie kein anderer plastischer Werkstoff. Wachs lässt sich zudem leicht formen, gießen und auch nachträglich noch bearbeiten, was bei Ton und Metallgüssen nicht möglich ist. Wachs lässt sich auch leicht mit Pigmenten mischen oder farbig bemalen. Durch Beimischungen kann man Wachs auch weicher oder härter machen. Jede Werkstatt hatte eigene Rezepte. Giorgio Vasari (1511-1574) schreibt in seinem Traktat über die Bildhauerei „Della Scultura“, dass die Beimischung von Fett das Wachs weicher, durch Terpentin die Beschaffenheit zäher und durch den Zusatz von Pech das Wachs hart wird. Beliebt war Wachs auch zum Anfertigen von Portraitmedaillons.

Redensarten

Sodom und Gomorrha

Die beiden Städte Sodom und Gomorrha in der Nähe des Toten Meeres werden im Alten Testament (1. Buch Mose) als Orte beschrieben, in denen Menschen ein lasterhaftes und gottloses Leben führten. Um sie zu bestrafen, „ließ der Herr Schwefel und Feuer regnen vom Himmel herab auf Sodom und Gomorrha.“ Nur Lot und seine Töchter wurden gerettet, obwohl diese durch ihre inzestuösen Handlungen auch schweres Unrecht auf sich luden. Bis heute stehen Sodom und Gomorrha für Unordnung, Sittenlosigkeit und Ausschweifung. Selbst wenn die Redewendung „Das geht ja hier zu wie in Sodom und Gomorrha“ sicher oft übertrieben ist…

Bienenwachs

Beliebt seit der Antike

Bienenwachs (lat. Cera Flava) ist ein von Bienen abgesondertes Wachs, das zum Bau der Bienenwaben genutzt wird. Bienen können Wachs, den Baustoff für ihre Waben, bereits ab einem Alter von zwölf Tagen selbst herstellen. Grundvoraussetzung dafür ist Honig als Nahrung. Für ein Kilogramm Wachs werden ca. vier bis zehn Kilo Honig benötigt. Unterhalb des Hinterleibs befinden sich so genannte Wachsdrüsen, aus denen Bienen das Wachs herauspressen.

Bienenwachs eignet sich auch hervorragend als Brennmaterial. Bereits in der Antike wurden Fackeln aus Wachs hergestellt. In mittelalterlichen Kirchen und Klöstern verwendete man übrigens ausschließlich Bienenwachskerzen, da die Biene wegen der damals irrtümlichen Annahme, dass sie sich ungeschlechtlich fortpflanzt, als Symbol der Jungfräulichkeit galt.

1618-1648

Dreißig Jahre Krieg

Daniel Neuberger der Jüngere wurde 1621 in der Fuggerstadt Augsburg geboren. Nur drei Jahre zuvor hatte der Dreißigjährige Krieg, das konfessionell begründete Kräftemessen der europäischen Herrscher, mit dem „Prager Fenstersturz“ begonnen.
Es muss eine entbehrungsreiche Kindheit für den kleinen Daniel gewesen sein; auch die Jugend- und frühen Erwachsenenjahre waren geprägt von Krieg und Elend: Mal suchten die bayrischen und kaiserlichen Truppen, mal die schwedischen Truppen die freie Reichsstadt heim. Nach der vernichtenden Niederlage der Schweden bei Nördlingen ereilte Augsburg im Herbst 1634 die größte Not: Kaiserliche und bayerische Truppen riegelten die Stadt ab in der Absicht, diese auszuhungern. Alle Zufahrtswege wurden blockiert, die Wasserzufuhr teilweise unterbunden. In der Stadt entstand eine grausame Hungersnot mit bis zu 5000 Toten am Jahresende 1634.
Schließlich war Augsburg gegen Ende des Dreißigjährigen Krieges 1646 und 1648 noch einmal Gegenstand kriegerischer Auseinandersetzungen.
An die Zeiten des Dreißigjährigen Krieges erinnert heute der Schwedenturm mit dem Standbild des „Stoinernen Ma“ sowie die Schwedenstiege. Beide gehörten zur Augsburger Befestigungsanlage.

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