Musizierender Engel

Tirol, 2. Hälfte 17. Jahrhundert
Weichholz, originale Fassung
Höhe: 52 cm

Die Haltung des Engels erinnert an einen eleganten Tänzer. Auf dem rechten, erhobenen Bein, das wohl ursprünglich durch ein architektonisches Element abgestützt war, lag ein heute nicht mehr vorhandenes Streichinstrument, wohl eine Laute. Die rechte Hand hielt den Instrumentenhals, mit der linken führte er den Bogen. Daraus erklärt sich die ausdrucksvolle, raumgreifende Geste der beiden Arme. Der Blick des schwarz gelockten Himmelsboten ist in sich gekehrt, seine Aufmerksamkeit gilt ganz der Musik.

Man darf sich den kleinen Musikanten im Kontext eines Altares vorstellen, auf dem er mit einem musikalischen Begleiter, auf Voluten sitzend, den bekrönenden Altargiebel flankiert hat. Der verlorene Altar wird einem Bildhauer der sog. Weilheimer Schule zugeschrieben, vermutlich einem Mitglied aus der Werkstatt der Familie Degler. Hans Degler (1564-1632/33) arbeitete dank der Vermittlung seines Schwiegervaters Adam Krumper u.a. für den Münchner Hof. In Augsburg schuf er in St. Ulrich und Afra den Hauptaltar, die beiden Seitenaltäre sowie die Kanzel.

Sphärenmusik

Wenn Engel singen

Die Theorie der „Sphärenharmonie“ oder „Sphärenmusik“ wurde in der Antike von dem griechischen Philosophen Pythagoras entwickelt. Er glaubte, dass die um die Erde (als Mittelpunkt des Universums) kreisenden Planeten von durchsichtigen Kugeln getragen werden. Auch dachte Pythagoras, dass durch die Bewegung dieser durchsichtigen Kugeln (Sphären) Töne entstehen, deren Höhe von Abständen der Planeten zueinander und der Geschwindigkeiten, mit der sich die Sphären bewegen, abhängt. Die Töne ergeben demnach einen harmonischen Zusammenklang (griechisch symphōnía), der jedoch für die Menschen normalerweise nicht hörbar ist.

Die Lehre der Sphärenmusik wurde bis in die Neuzeit rezipiert und diskutiert. Als ästhetischer Ausdruck eines wohlgeordneten Kosmos fand diese Idee besonders in philosophischen und literarischen Kreisen Anklang, die das Universum als einheitliche Manifestation einer mathematischen Ordnung göttlichen Ursprungs betrachten. Christen fanden dank des biblischen Satzes, wonach Gott alles „nach Maß, Zahl und Gewicht“ geordnet habe (Weish 11, 20) einen Anknüpfungspunkt.

Ein zauberhaftes poetisches Denkmal setzte William Shakespeare der Sphärenmusik in seinem Kaufmann von Venedig (1596-98):

Komm, Jessica! Sieh, wie die Himmelsflur
Ist eingelegt mit Scheiben lichten Goldes!
Auch nicht der kleinste Kreis, den du da siehst,
Der nicht im Schwunge wie ein Engel singt,
Zum Chor der hellgeaugten Cherubim.
So voller Harmonie sind ew’ge Geister:
Nur wir, weil dies hinfäll’ge Kleid von Staub
Uns grob umhüllt, wir können sie nicht hören.
(5. Akt, 1. Szene)

Südtirol

Eine große Geschichte

Südtirol, die Heimat unseres musizierenden Engels, ist eine Region, die mit einer jahrhundertealten, vielfältigen Geschichte glänzt. Heute autonome Region Bozen-Südtirol und seit 1918 nördlichste Provinz Italiens, verstand man ursprünglich darunter die Grafschaft Tirol. Am längsten herrschte hier das Geschlecht der Habsburger: von 1353 bis zum Ende des 1. Weltkriegs lenkten sie die Geschicke dieses zu großen Teilen alpinen Landes. Seinen Namen verdankt Tirol übrigens der Residenzburg der Grafen von Tirol, die in der Nähe der Stadt Meran liegt. Viele bekannte Künstler reisten ins wohlhabende Südtirol, wo sie schöne Skulpturen und Altäre fertigten, aber auch Tiroler Künstler kamen auf die Alpennordseite nach Bayern; der künstlerische Austausch war rege.

Farben in der Kunst

Die Kraft der Kontraste

Was ein Farbkontrast ist, definierte der Künstler und Bauhaus-Lehrer Johannes Itten (1888-1967) in seinem Hauptwerk „Kunst der Farbe“ (1961) sehr präzise:
Von Kontrast spricht man dann, wenn zwischen zwei zu vergleichenden Farbwirkungen deutliche Unterschiede oder Intervalle festzustellen sind. Sobald man zwei Farben verwendet, entsteht folglich ein Kontrast. Wichtig sind weiterhin die Helligkeit und die Sättigung der Farbe. Besonders starke Farbkontraste entstehen durch die Verwendung komplementärer Farben, also Farben, die sich im Farbkreis genau gegenüberstehen, wie z.B. Rot und Grün. Der Künstler, der die Farben auf unserem geschnitzten Holzengel aufgetragen hat, verwendete nicht nur gezielt Rot und Grün als starken Farbkontrast, sondern auch die warmen Farbtöne Rot und Gold sowie die kalten Farben Grün und Blau. Das Resultat ist eine lebhafte und fröhliche Anmutung des himmlischen Musikanten.


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