Beweinung

Flandern (Antwerpen oder Brüssel), um 1490
Eiche mit originaler Fassung und Vergoldung
Höhe: 36 cm, Breite: 47 cm, Tiefe: 7 cm

Provenienz

Europäische Privatsammlung

Aus einem Block aus Eichenholz, an der Unterseite viermal mit einer nicht zuzuordnenden Marke versehen, hat der uns unbekannte Künstler eine herausragende Pietà geschnitzt. Die Handlung zeigt einen der dramatischsten Momente der Passion und des Todes Christi.
Die formal äußerst elegante Anordnung von Maria und dem gekreuzigten Gottessohn ist künstlerisch herausragend. Die beiden Linien des vom Kopf fallenden Umhang Mariens, rechts vom überlängt dargestellten Arm Christi, links von den leicht manieriert übereinander geschlagenen Beinen in die Verlängerung geführt, bilden mit dem Abschluss des Skulpturensockels eine gelungene Dreieckskomposition.

Wir verorten die Arbeit nach Flandern. Sie ist wohl in Antwerpen oder Brüssel Ende des 15. Jahrhunderts entstanden. Beide Städte waren zu dieser Zeit wichtige künstlerische Zentren des Herzogtums von Brabant, das durch Erbfolge von Burgund an Habsburg übergegangen war. Einer der großen Künster, der sowohl die Malerei aber auch die Skulptur seiner Zeit hier maßgeblich beeinflusst hat, war Rogier van der Weyden.
Die Pietà nimmt formal klar auf die um 1430-1435 entstandene „Kreuzabnahme“ des Künstlers Bezug.

Beweinung Christi

Passionsgeschichte nach Lukas

Die Beweinung Christi nach der Abnahme seines Leichnams vom Kreuz und vor seiner Grablegung ist in der Kunstgeschichte ein eigenständiger Bildtypus. In der Malerei und Skulptur vom Spätmittelalter bis hin zum Barock wurde diese Szene vielfach dargestellt.
Die biblische Passionsgeschichte erwähnt eine Beweinung Christi nicht. Auf die Kreuzabnahme erfolgt hier unmittelbar die Grablegung. Jedoch schreibt der Evangelist Lukas: „Alle seine Bekannten aber standen in einiger Entfernung (vom Kreuz), auch die Frauen, die ihm seit der Zeit in Galiläa nachgefolgt waren und die alles mit ansahen.“ (Lk 23,49 EU).
Ferner finden sich Hinweise auf diese Episode in mehreren apokryphen Schriften; popularisiert wurde sie im Mittelalter durch Mystiker wie Pseudo-Bonaventura. Die Beweinung hätte sich demnach entweder auf Golgota – also am Fuße des Kreuzes – oder etwas später am Grab Christi zugetragen. Im Gegensatz zur Pietà, wo die Gottesmutter Maria als einzelne Person um den auf ihren Knien liegenden toten Jesus trauert, ist bei der Beweinung der Leichnam von mehreren Personen umgeben, wie in unserem Fall neben Maria auch von Johannes, Christi Lieblingsjünger, sowie von Maria Magdalena (Abb.: Giotto di Bondone, Beweinung, c. 1305).

Flandern

Habsburger und Bourbonen

1477, kurz vor der Entstehungszeit unserer Pietà, war ein Schicksalsjahr für Flandern. Damals wurden nach dem Tod des letzten burgundischen Herrschers Karls des Kühnen in der Schlacht bei Nancy seine Besitzungen zwischen dem habsburgischen Erzherzog Maximilian von Österreich, dem späteren Kaiser Maximilian I., und König Ludwig XI. von Frankreich aufgeteilt. Flandern kam dabei unter die Herrschaft der Habsburger und war Teil des Heiligen Römischen Reichs Deutscher Nation. Fortan Spielball der Politik zwischen Habsburgern und Bourbonen, beruhigten sich die Geschicke Flanderns erst, als nach der Belgischen Revolution von 1830 das Königreich Belgien gegründet wurde. Seitdem teilt Flandern die Geschichte Belgiens (Abb.: Karte der Grafschaft Flandern aus dem Jahre 1609).

Rogier van der Weyden

Ein großer Künstler

Um 1400 in Tournai/Flandern geboren, zählt Rogier van der Weyden zu den größten Künstlern der altniederländischen Malerei. Ab 1435 mit seiner Familie in Brüssel lebend, war Rogier nicht exklusiv an die Stadt als Auftraggeber gebunden, sondern konnte beispielsweise auch Aufträge des reichen Bürgertums und des burgundischen Hofes ausführen. 1444 war Rogier so vermögend, dass er in Brüssel ein Haus in herrschaftlicher Lage kaufen konnte. Sein hohes soziales Ansehen spiegelt sich in seiner Mitgliedschaft in der zur Kirche Saint-Jaques-du-Coudenberg gehörenden Bruderschaft vom Heiligen Kreuz, der auch der burgundische Herzog und viele Mitglieder des Hofes angehörten. Sein Ansehen als Maler zeigen auch zahlreiche Aufträge, die er von ausländischen Höfen erhielt. 1449 erwarb Leonello d’Este, Herzog von Ferrara, mehrere Gemälde Rogiers, so beispielsweise ein Triptychon mit einer Kreuzabnahme. In einer 1459 redigierten Sammlung von Biographien berichtete Bartolomeo Facio davon, dass Rogier („Rogerius Gallicus“) im Jubeljahr 1450 eine Pilgerreise nach Rom unternommen habe (Abb.: Kupferstich, Jan Wierix, 1572/Ausschnitt).

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