TILMAN RIEMENSCHNEIDER, ZUGESCHR.

HEILIGENSTADT 1460 – 1531 WÜRZBURG

CHRISTUS AM KREUZ; OBSTHOLZ, 24 x 22 CM, ANFANG 16. JH.

Provenienz:
Sammlung Professor Wilhelm von Miller (1848 München – 1899 ebda.)
1907 von Julius Böhler aus dem Nachlass erworben, seither in Familienbesitz

Der Künstler zeigt uns den gekreuzigten Christus als einen jungen Mann, der gerade seinem Todeskampf am Kreuz erlegen ist. Schwer fällt der mit Dornen gekrönte Kopf auf die rechte Schulter. In verklebten Strähnen umrahmen die Haare sein bärtiges Gesicht. Der Mund ist leicht geöffnet, die Zunge vorgeschoben, Indiz für den bereits eingetretenen Tod. Ursprünglich war er mit drei Nägeln an einem Kreuz befestigt, je an der linken und der rechten Hand sowie an den übereinandergeschlagenen Füßen. Der muskulöse, schlanke, elegant anmutende Körper ist anatomisch genau dargestellt. Die um Christi Hüften geschlungene Leinenbinde windet sich seitlich in kunstvollen, fast manieriert anmutenden Schlingen.

Da die Figur relativ klein ist, war sie wohl für die private Andacht vorgesehen und befand sich auf einem Hausaltar.

Wir schreiben die Figur Tilman Riemenschneider zu. Sie ähnelt stilistisch vor allem den Christusdarstellungen der Kreuzigungsgruppe in Aub und der Kreuzigungsgruppe im Hessischen Landesmuseum Darmstadt, beides Eigenwerke Riemenschneiders. Gesicht, Dornenkrone, Körper und Lendentuch gehen auf diese Vorbilder zurück, ebenso die Lanzenwunde und die eingesetzten Brustwarzen.

Gesicht und Haare unserer Christusfigur sind im Vergleich vielleicht etwas weniger fein geschnitzt.
Riemenschneider, der zu den bedeutenden Künstlern im Übergang von der Spätgotik zur Renaissance gehörte, schuf hauptsächlich Bildwerke religiösen Inhalts. Zu seinen Kunden zählten Kirche und Bürgertum. Die ersten, öffentlich sichtbaren, prominenten Aufträge, vor allem Altararbeiten und Kreuzigungsgruppen, begründeten seinen künstlerischen Ruf und verhalfen ihm zu einer florierenden Werkstatt in Würzburg.